Wohnen und Siedeln

Zur Architektur von Atelier 5 am Frankfurter Riedberg

Wie will „Wohnen“ wahrgenommen werden? Was bedeutet der Begriff „Wohnen“?

Wohnen – zu diesem Begriff gab und gibt es vielfältige Deutungs- und Definitions­versuche1. Weitestgehend einig sind sie sich in der Fest­stellung, daß Wohnen in einem fest umrissenen überdachten Bereich stattfindet, der Schutz vor Witterung und Umwelt­einflüssen gibt und dem Bewohner eine Abgrenzung von seinen Mit­menschen ermöglicht. Allgemein ist daher auch Konsens, daß die Wohnung der intimste räum­liche Rückzugsort des Menschen ist. Nicht umsonst untersteht die Wohnung in Deutschland dem höchsten Schutz durch das Grund­gesetz, welches das Recht auf Unver­letzlichkeit der Wohnung in Artikel 13 unter den Grund­rechten festhält2 und damit auf eine Stufe mit den Menschen­rechten stellt.

Wohnen umfaßt die unmit­telbarsten Bedürfnisse des Menschen und gibt Raum für die intimsten Handlungen. Gleichzeitig ist Wohnen aber auch ein sozialer Vorgang. Wohnen findet nicht allein statt, sondern häufig in der Gemeinschaft mit Lebenspartnern oder Familie. Der Begriff der Familie selbst leitet sich aus der lateinischen „Familia“, der Haus­gemein­schaft ab, die nicht allein aus Verwandtschafts­verhältnis­sen definiert wurde, sondern alle den gemeinsamen Haushalt betreffenden Personen umfaßte3. Die Familie, die gerne auch als engste und kleinste Zelle der Gesellschaft verstanden wird4, hat ihren Ursprung in der gemeinsamen Wohnung. So ist die Wohnung also auch der in der dinglichen Welt verankerte und fest umrissene Ort der kleinsten Gesellschaftseinheiten.

Ort Öffentlichkeit
Eigenes Zimmer Individuum
Wohnung Familie
Wohnanlage Nachbarschaft
Siedlung Siedlergemeinschaft
Stadt oder Land Bürger
Welt Menschheit
Grade von Öffentlichkeit

Mehrere Wohnungen im räumlichen Kontext bilden zusammen Sied­lungen. Auch diese Siedlungs­einheiten bilden wiederum für sich genommen Gemeinschaften. Ihre Intimität ist nicht so groß, wie die einer einzelnen Wohnung, dennoch ist hier ein Zusammenhang und eine Gemeinschaft, die sich nach außen abgrenzt. In früheren Zeiten waren Ansiedlungen durch einen Zaun umgrenzt (vergleiche „Zaun“ -- „Town“, die englische Ortsbezeichnung leitet sich direkt von der Umgrenzung ab), Städte gaben sich Stadtmauern, die eine klare Trennungslinie zum Umland zogen.

Vom „Wohnen“ als persönlich-intimen, auf die eigene Person und den engsten Familienkreis bezogenen Vorgang über das „Siedeln“, das mit einem weiter gefaßten, aber immer noch räumlich umgrenzten Personenkreis stattfindet, wird deutlich, daß das Bewohnen einer Wohnung zwar einerseits einen privaten, andererseits aber auch einen sozialen Vorgang darstellt, der zwangsläufig auch mit wachsendem Abstand eine gewisse Öffentlichkeit hat.

Eine gute Wohnung wie eine gute Siedlung zeichnet also aus, diese feine Abstufung von verschiedenen Graden der Privat­heit zur Öffentlichkeit abzubilden. Dies sowohl in der Wohnung selbst, als auch im unmittelbaren Umfeld der Wohnung und im Kontext mit anderen Wohnungen in der Siedlung.

Wohnungsgrundriss
Wohnungsgrundriss Take5

Die Wohnanlage Take5 berücksichtigt die feinen Abstufungen der Privatheit und Öffentlichkeit des Wohnens in besonderem Maße in der Architektursprache. Die verschiedenen Grade von Öffentlichkeit und Privatheit im Wohnen finden ihren Niederschlag in der räumlichen Organisation der Wohnungen und deren Einbindung in die Gesamtanlage. Schon im Wohngrundriß selbst gibt es privatere und öffentlichere Räume. Anders als in zahlreichen Wohnungsgrundrissen wurde vermieden, die Gästen und Besuchern zugänglichen, also eher öffentlicheren Teile wie Wohnzimmer und Küche, und im besonderen Maße natürlich der Eingangsbereich, mit den eher privaten Räumen wie Schlafzimmer und Bad zu vermischen. Die privateren Räume haben durch die horizontale (in den Maisonettes) oder vertikale (in den Mehrachsern) Schichtung der Räume eine gewisse Ferne zum Eingang. So lassen sich bereits in der Wohnung Abstufungen von Privatheit und Öffentlichkeit ablesen.

Diese Schichtung setzt sich unmittelbar im Außenbereich fort. Jede Wohnung verfügt über einen oder mehrere Freibereiche, die durch Terrassen, Patios, Innenhöfe oder Balkone geschaffen werden. Diese Freiräume sind zwar exklusiv der jeweiligen Wohnung zugeordnet, erfahren aber durch Einblicke und Sichtbeziehungen ein gewisses Maß an Öffentlichkeit, daß aber durch die Architektur immer noch mit einem gewissen Maß an Schutz vor zuviel Öffentlichkeit ausgestattet ist. Dies wird am Beispiel der Patios deutlich. Diese sind von ca. 1,70m hohe Mauern umgeben, die Mauerkante auf Aughöhe verhindert den freien Einblick, dennoch kann über diese Mauern hinweg und durch die offen gestalteten Türen das Leben in den Höfen wahrgenommen werden. Ähnlich verhält es sich mit den Balkonen, die zwar nach vorne offen gestaltet sind, aber aufgrund ihrer Tiefe zumindest nicht von außerhalb der Anlage frei einsichtig sind. Innerhalb der Anlage ist natürlich durch den Blick aus weiter oben liegenden Wohnungen der Blick auf Balkone und n die Patios möglich. De Öffentlichkeit dieser privaten Freibereiche ist also stark begrenzt, wenngleich hier nicht die Intimität der Wohnungen erreich werden kann und soll.

Einen weiteren Grad an Öffentlichkeit erlebt der Innenhof der Gesamtanlage sowie die der Anlage vorgelagerten „Bastion“ zur Strasse „Zur Kalbacher Höhe“ hin. Diese Freibereiche sind bewußt als öffentlich zugängliche Freiflächen gestaltet, die aber aufgrund ihrer Lage im Inneren des Gevierts sowie zurückgesetzt über das Straßenniveau nicht die freie Zugänglichkeit und Öffentlichkeit haben, die den Straßen und Parkwegen um die Anlage herum zukommt.

Den Architekten ist es gelungen, eine feine Abstufung von Privatheit und Öffentlichkeit in der Anlage zu schaffen, denen die häufig unvermittelte Schroffheit anderer Wohnungen entgegensteht, die zwischen Straßenraum und Badezimmer oft nur einen meterbreiten Wohnungsflur als Pufferzone aufweisen können.

In dieser Feinabstufung und Abpufferung verschiedener Öffentlichkeitsgrade verfolgt Atelier 5 offensichtlich auch an der Anlage „Take5“ das schon 50 Jahre zuvor in Halen verfolgte Ziel, hochverdichtete Siedlungen zu schaffen, die maximale Privatheit garantieren, gleichzeitig aber eine Enbindung in eine Gemeinschaft von Siedlern und Mit-Bewohnern zu schaffen, die sich nicht über die Abgrenzung von ihrer Umwelt definiert, sondern vielmehr integrativer Teil ihrer Umgebung wird5.

Hier schafft die Architektur ideale Voraussetzungen für ein soziales Miteinander, das nicht auf Kosten einzelner Bedürfnisse geht. Gerade auch in Take5 wird das von der Moderne des 20. Jh. formulierte Ziel verfolgt, mittels Architektur konstruktiv auf einer besseren Gesellschaft hinzuwirken.

Die baulichen Voraussetzungen sind geschaffen.
Es liegt an den Bewohnern und Nutzern der Anlage, dieses Ziel auch zu erreichen.

Matthias Müller-Götz, Juli 2009


1) Vgl.: http://de.wikipedia.org/wiki/Wohnen

2) http://bundesrecht.juris.de/gg/art_13.html

3) Vgl.: „Der Kleine Stowasser“; Wien und München, 1994

4) http://de.wikipedia.org/wiki/Familie#Funktionen_der_Familie

5) http://www.nextroom.at/event.php?event_id=11426


Aktueller Stand: 24.09.2018 - 05:20 Uhr
Letzte Änderung: 17.08.2009 - 15:21 Uhr
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