Take 5

Beschreibung der Anlage am Frankfurter Riedberg

Schwarzplan Frankfurt-Riedberg
Frankfurt Riedberg

Im Norden Frankfurts entsteht seit 2001 ein neuer Stadtteil am Riedberg zwischen Kalbach und Niederursel. Hier soll auf ehemals landwirtschaftlich genutztem Gelände ein vollwertiger Stadtteil entstehen, der etwa 15.000 Menschen Wohnung gibt und Kindertagesstätten, Grund- und weiterführende Schulen, Einkaufsmöglichkeiten, Sportstätten und weitere Infrastruktur zur Verfügung stellt.
Gemeinsam mit dem auf dem Riedberg neu entstehenden Campus Riedberg der Goethe-Universität sollen auch Arbeitsplätze im Forschungs- und Dienstleistungssektor unter dem Schlagwort „Science-City Riedberg“ entstehen. Die enge Verzahnung mit der bestehenden Stadt schaffen die U-Bahnverbindungen zum Nordwestzentrum und zur Frankfurter Innenstadt sowie die Anbindung an die Ringautobahn und zwei Hauptausfallstraßen (Rosa-Luxemburg-Strasse und Eschersheimer Landstraße).
Der durchaus ambitionierte Plan für den neuen Stadtteil Riedberg sieht vor, Fehler der Stadtplanung aus der zweiten Hälfte des 20. Jh. zu vermeiden, indem auf eine Durchmischung der Wohntypen geachtet wird und eine strenge Funktionstrennung, wie 1928 in der Charta von Athen gefordert, nicht zum Nachteil für den Stadtteil ausfällt.
An den Durchgangsstrassen des Quartiers wird verdichtetes Wohnen mit Geschoßwohnungsbau und Maisonettelösungen vorgesehen, in den Seitenstrassen herrscht typische Eigenheimbauweise mit Reihen-, Doppel und Einfamilienhausbebauung vor. So soll einerseits in den Kernzonen ein städtisches Flair geschaffen werden, andererseits aber auch verschiedene Bewohnergruppen angesprochen werden. Gegliedert wird der Stadtteil durch großzügige Parkbänder, die zum Teil auch der offenen Versickerung und Ableitung des am Hang anfallenden Oberflächenwassers dienen.

Luftbild Take5 von Osten
Take5 von Osten
Luftbild von F. Wilhelmsmeyer

Am Kreuzungspunkt der Erschließungsstraße „Zur Kalbacher Höhe“ mit dem „Bonifatiuspark“, gegenüber der ein Unterzentrum für das Quartier bildenden Grundschule befindet sich der Bauplatz der Wohnanlage Take5. Hier senkt sich der Hang des Riedbergs zu den Riedwiesen des Flusses Nidda ab und eröffnet den Blick auf das landschaftlich reizvolle Niddatal im Osten und auf die beeindruckende Frankfurter Skyline im Südosten. Durch den vorgelagerten Bonifatiuspark ist der Ausblick in die Landschaft unverbaubar.
Die quer zum Hang verlaufende Promenade am Bonifatiuspark bildet die untere Begrenzungslinie der Wohnanlage. Da die Erschließungsstrasse nicht rechtwinklig zum Park verläuft, sondern hangaufwärts von der Wohnanlage wegführt, konnte hier von den Architekten eine Pufferzone geschaffen werden. Am hangabwärts gelegenen Teil bilden sie einen hohe, als Bastion bezeichneten Mauersockel, der mit dem Hanganstieg vom Gebäude wegschwingt und so Raum für einen kleinen dreieckigen Quartiersgarten bildet.
Mit dieser Lösung, die sich nicht nach den Vorgaben des Bebauungsplans richtet, schufen die Architekten eine klar gegliederte rechtwinklige Bebauung, vor welcher durch die geschickte Ausnutzung der Topographie ein funktional sinnvoller Puffer gebildet und eine der Besonnung angepaßte Ausrichtung der Wohnungen ermöglicht wird. Gleichzeitig kann diese Lösung auch ästhetisch befriedigen, da mit den in Zukunft oberhalb der Wohnanlage in ähnlicher Form entstehenden drei weiteren Quartieren eine Rhythmisierung des Straßenraums „Zur Kalbacher Höhe“ entsteht, der durch die Terrassierung die Topographie betont.

Blick in den Innenhof
Blick in den Innenhof

Die Bebauung der Anlage selbst bildet ein Geviert um einen zentralen Innenhof, bestehend aus vier Einzelgebäuden über einem gemeinsamen Tiefgaragengeschoß.
Das am Park gelegene südöstliche Gebäude, Haus 1, bildet den längsten Riegel, zwei ähnliche Bauten, die Häuser 2 und 3, bilden die südwestliche und die nordwestliche Begrenzung. Das Haus 4 im Nordosten spricht eine deutlich unterschiedliche Formensprache und war im ursprünglichen Konzept der Architekten für eine gemeinschaftliche Nutzung vorgesehen, wurde jedoch später als Doppelhaus für Wohnnutzung vermarktet. Vom für die Architektur von Atelier 5 typischen konzeptionellen Grundgedanken der Bereitstellung von Gemeinschaftseinrichtung blieb lediglich ein kleiner Raum im Südostflügel. Beibehalten wurde jedoch die Idee des Gemeinschaft und Identität stiftenden „Dorfplatzes“ in der Mitte der Anlage, von dem aus alle Bauteile erschlossen werden.

Der eher einfach gehaltenen Fassade von Haus 4, die sich in klassisch moderner Tradition als simple Bandfassade ohne weitere Profilierung darstellt, stehen die eher skulptural durchgeformten Fassaden der übrigen, von Anfang an als Wohnhäuser konzipierten Bauten gegenüber.
Die Rasterisierung der Grundrisse ist in der Fassade soweit aufgelöst wird, daß von außen die innere Raumaufteilung nicht mehr ablesbar ist. Dennoch ist auch hier ein Achssystem eingehalten worden, daß einen Rhythmus von je zwei tief in die Fassade eingeschnittenen Fenstern und Türen bildet, zwischen denen jeweils ein weit vorne in der Fassadenebene liegendes Fenster gesetzt wurde, das alternierend als vollständiges Fenster oder nur als schmaler Sehschlitz in Sitzhöhe ausgeführt wurde.
Obschon das Muster periodisch angewandt wird, fällt es nicht als Wiederholung auf, da die in Sichtbeton ausgeführten, sehr tiefen und großen Balkone in freier Verteilung und ohne erkennbares Muster vor die Fassade gehängt wurden.

Take5 von Norden
Hangseite von Norden

Die Fassadenflächen selbst sind in einem weiß verputzten Wärmedämmverbundsystem ausgeführt, das einerseits den strengen deutschen Energieeinsparrichtlinien, andererseits wohl auch der besseren Vermarktbarkeit geschuldet ist. Die für Atelier 5 typischen Sichtbetonfassaden, die architekturgeschichtlich auf die Tradition der Strukturalisten, der Architektengruppen Team10 und des CIAM und letzten Endes auf die großen Modernisten wie Le Corbusier zurückzuführen sind, polarisieren doch sehr und schrecken potentielle Investoren ab.
Auch die tatsächlich in Sichtbeton ausgeführten Balkone und Patioabgrenzungen im Außenbereich der Anlage Take 5 führten (und führen) unter den Investoren und Nutzern zu Diskussionen, was zu einem halbherzigen Versuch der Überspachtelung an der Südecke der Anlage geführt hat, die zwar einerseits ein glattes, „neues“ Aussehen schuf und auch vorhandene Ausführungsmängel überdeckte, andererseits aber eben gerade die von den Architekten gewünschte Schroffheit und Natürlichkeit des Sichtbetons mit dem ästhetischen Potential der Patinabildung und Alterung verlor.
Die Abfangmauern zur Terrassierung des Geländes an der Hauptstraße wurden aus Gabionen errichtet. Eine überwuchernde Begrünung der Anlage, insbesondere der Gabionen und der Betonflächen ist von den Architekten ausdrücklich erwünscht. Im Innenhof und auf der Bastion wurden Bäume gepflanzt, auch einige Wohnungsgärten erhielten Bäume.
Bis auf Haus 4 haben sämtliche Erdgeschoßwohnungen zu beiden Seiten hin Gärten oder Terrassen, die zu den öffentlichen Bereichen hin durch aughohe Mauern abgegrenzt sind. Sie vermitteln zwischen der Privatheit der Wohnungen und der Öffentlichkeit des Platzes und der Erschließungswege.
In der obersten Etage wird die Fassade durch starke Einschnitte aufgelockert, die den Dachwohnungen große Terrassen schaffen. Durch die Gärten, Patios, Terrassen und Balkone ist jede Wohnung mit Freiflächen ausgestattet, die im Sommer die nutzbare Wohnfläche erheblich vergrößern.

Fassade zum Bonifatiuspark
Fassade zum Bonifatiuspark

Die Fassadentiefe hat nicht nur ihre Wirkung im Außenbereich durch das Vor- und Zurückspringen der Fenster, die plastische Ausbildung der Fassade ist auch in den Wohnungen selbst erlebbar. Sie ist im Inneren ein raumbildendes Element. Die tragenden Streben bilden einen Sicht- und Sonnenschutz, die Vor- und Rücksprünge schaffen Nischen für die Möblierung.
Da die Fensterfronten über die gesamte Raumbreite reichen, sind die Längswände nicht für die Aufstellung von hohen Möbeln vorgesehen, die Stellflächen hierfür befinden sich gegenüber der Außenwand.
Die Grundrisse der Wohnungen unterliegen alle einem strengen Entwurfsraster. Die Gebäuderiegel sind im Achsabstand von 4,25m quer gegliedert. Die Querwände sind tragend ausgebildet und geben die Wohnungsgrundformen vor.
Die Längsgliederung der etwa 12,50 tiefen Riegel teilt die Wohneinheiten in drei Zonen:
An den beiden Fassadenseiten liegen die natürlich beleuchteten Wohnräume, zu denen insbesondere auch die Küchen zu zählen sind, die sich ohne Zwischentüren mit den Wohnräumen verbinden.
In der Mittelzone im Gebäudeinneren finden sich Naßräume und innere Erschließungen wie Wohnungszugänge und Treppen, da die meisten Wohnungen über mehrere Geschosse verfügen, und so innerhalb der Gesamtanlage dennoch ein Haus-im-Haus-Gefühl vermitteln. Jede Wohnung hat auch ihren eigenen Zugang zu den Außenbereichen, seien es im Erdgeschoß die Gärten und Patios oder in den Obergeschossen die Balkone und im Dachgeschoß die Terrassen, die den Wohnungen dort den Charakter von Penthäusern verleihen.

Die tragenden Bauteile des Gebäudes sind in Beton und Kalksandstein ausgeführt. In der Grundausstattung sind die Innenwände weiß gestrichen. Die Böden der Wohnungen sind mit Parkett belegt, die Naßräume mit keramischen Fliesen. Die Fensterbänke vor den Kunststofffenstern sind mit Granitplatten belegt, die farblich zum Putzweiß und Betongrau der Außenflächen vermitteln.
Die Außenwände sind mit einem weiß verputzten Wärmedämmverbundsystem bekleidet, um auf den zur Ausführungszeit gebräuchlichen Wärmeschutzstandard KfW60 zu kommen, d.h. einen jährlichen Primärenergiebedarf von unter 60 kWh/(m²a) zu erreichen.
Markante Fassadenbauteile sind in Sichtbeton ausgeführt, wobei die vorgehängten großen Balkone als Fertigeile erstellt wurden, die Innenhofwände in Ortbeton. Die den Wohnungen zugehörigen Gärten und Terrassen erhielten Betonplatten, der Innenhof wurde teilweise mit Betonsteinen gepflastert, teilweise mit einer wassergebundenen Decke versehen. Der Innenhof sowie der dreieckige Quartiersgarten wurden bepflanzt.

Matthias Müller-Götz, Juli 2009


Aktueller Stand: 24.09.2018 - 06:12 Uhr
Letzte Änderung: 30.10.2009 - 19:07 Uhr
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